Nachruf auf Fritz Andres

* 26. März 1946  |   † 6. Juni 2019  in Kirn/Nahe

Mit großer Trauer müssen wir Abschied nehmen von unserem hoch geschätzten Freund Fritz Andres, der die ideellen Tätigkeiten unserer „Stiftung für Reform der Geld- und Bodenordnung“ 20 Jahre lang als deren 1. Vorsitzender kenntnisreich und umsichtig geleitet und mitgestaltet hat. Während vieler Jahre arbeitete er auch im Vorstand der „Sozialwissenschaftlichen Gesellschaft“ mit. Fritz Andres starb nur wenige Monate, nachdem wir uns mit allen Beteiligten darauf verständigt hatten, unsere Tätigkeiten so umzustrukturieren, dass sie sich auch in Zukunft gut fortsetzen lassen.

Aufgewachsen ist Fritz Andres in der rheinland-pfälzischen Stadt Kirn, wo sein Vater und weitere Familienangehörige die seit 1798 im Familienbesitz befindliche Privatbrauerei Ph. & C. Andres betrieben. Im benachbarten Bad Sobernheim besuchte er das Gymnasium. Als er 16 Jahre alt war, nahm ihn sein Nachbar Fritz Penserot, Kaufmann für Lederzubehör in Kirn, zu einer Tagung des „Seminars für freiheitliche Ordnung“ in Herrsching am Ammersee mit. Dort lernte Fritz Andres die Gebrüder Diether, Heinz-Hartmut und Lothar Vogel kennen und schätzen, die das Seminar leiteten, verstand aber, wie er selbst einmal sagte, zunächst noch kaum etwas von den Themen und Zielen des Seminars. Diese erschlossen sich ihm erst während seines Studiums der Rechtswissenschaften in Frankfurt/M. Zwar teilte er den gesellschaftskritischen Impetus mit der damals einflussreichen Kritischen Theorie der Frankfurter Schule der Soziologie; jedoch folgte er nicht deren marxistischer Grundausrichtung, sondern suchte Orientierung bei drei Denkrichtungen, die das „Seminar für freiheitliche Ordnung“ zum Ziel einer macht- und privilegienfreien gerechten Welt miteinander verband: Es waren die Pläne zur Reform der Geld- und Bodenordnung von Silvio Gesell, die Dreigliederungsidee zur Ordnung des Sozialen Organismus vom Anthroposophen Rudolf Steiner sowie der Ordoliberalismus der Freiburger Schule zur Ordnung der Wirtschaft von Walter Eucken, Franz Böhm und Hans Großmann-Doerth.

Nach dem Jurastudium ging Fritz Andres auf eine siebenmonatige große Reise durch Nordamerika. Zu Fuß, per Anhalter oder mit Bus, Bahn und Schiff führte ihn sein Weg durch die Region mit den vier großen Seen, durch Kanada bis nach Alaska, die Westküste entlang bis in den Norden Mexikos und entlang der Ostküste wieder hinauf bis Toronto.

Es folgten berufliche ‚Wanderjahre‘ als Referendar im Bundeskartellamt und in mehreren Brauereien, um anschließend Mitverantwortung in der Leitung der familieneigenen Kirner Brauerei zu übernehmen.

Im ‚Nebenberuf‘ wirkte Fritz Andres fortan zusammen mit den Gebrüdern Vogel, Fritz Penserot und Heinz-Peter Neumann, einem damaligen Direktor aus der Landesversicherungsanstalt Berlin, im „Seminar für freiheitliche Ordnung“ mit und beteiligte sich an der Organisation zahlreicher Tagungen des Seminars – zunächst in Herrsching und später in Bad Boll, wo das Seminar mit dem „Trithemius-Haus“ eine eigene Tagungsstätte unterhielt. Dabei entstanden enge Freundschaften mit den beiden Juristen Eckhard Behrens und Jobst v. Heynitz. Mit ihnen übernahm Fritz Andres ab 1987 die Leitung des Seminars und die Herausgabe von dessen Schriftenreihe „Fragen der Freiheit“, als die vorherige Generation abtrat. Zugleich begann er, bei diesen Tagungen auch selbst Vorträge zu halten und Aufsätze in den „Fragen der Freiheit“ zu veröffentlichen, zunächst über Themen aus dem Bereich der Reform der Bodenordnung und über die „Bedeutung der Bodenfrage für den Frieden in der Welt“. Auch mit der Idee einer „gemeinschaftlichen Wasserordnung von Israelis und Palästinensern“ und mit der „neuen Bodenordnung in Russland“ nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion beschäftigte sich Fritz Andres damals; ebenso mit dem jüngst wieder sehr aktuell gewordenen Zusammenhang zwischen dem bestehenden Boden(un)recht und der Wohnungsnot sowie mit einem Übergang von der herkömmlichen Grundsteuer zu einer reinen Bodenwertsteuer.

Nach der friedlichen Revolution vom Herbst 1989 in Mittel- und Osteuropa starteten Fritz Andres, Eckhard Behrens, Jobst v. Heynitz und Prof. Dr. Roland Geitmann eine „Erbbaurechts-Initiative“ für die fünf ostdeutschen Bundesländer. Sie reisten häufig dorthin, um mit Vorträgen vor Stadt- und Kommunalverwaltungen auf die Möglichkeit hinzuweisen, anstelle einer Privatisierung des bis dahin „volkseigenen“ Bodens durch Verkäufe den Boden im kommunalen und sonst öffentlichen Eigentum zu lassen und nur seine Nutzung für Gebäude und Bauwerke mit dem Erbbaurecht zu privatisieren. Da Fritz Andres die Mitarbeiter/innen in der Geschäftsführung der Kirner Brauerei für die Erledigung der umfangreichen Korrespondenz mit Bürgermeistern und Kommunalverwaltungen in der früheren DDR mit einspannte, machte bald das Wort vom „neuen Politbüro in Kirn“ die Runde. Leider folgte die große Politik dem verfehlten Motto „Rückgabe vor Entschädigung“, was nicht nur zu unzähligen unnötigen Investitionshemmnissen auf dem Weg zur Erneuerung der Wirtschaft in der Ex-DDR führte. Noch bedauerlicher war, dass die Politik damit eine historisch einmalige Chance vergab, das Unrecht der sog. Bodenreform in der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ, 1945-1949) im Sinne eines sozialpflichtigen Umgangs mit dem Boden wiedergutzumachen und ein weithin leuchtendes Exempel einer rechtsstaatlichen Prinzipien und dem Grundrechtsschutz des Eigentums entsprechenden Reform der Bodenordnung einzurichten.

Obwohl diesem Ausflug in die aktuelle Tagespolitik kein Erfolg beschieden war, blieb die Reform der Bodenordnung das große Herzensanliegen von Fritz Andres. Ab der Mitte der 1990er Jahre vermochte er die Sicherung seiner Existenz so zu regeln, dass es ihm bei einem bescheidenen Lebensstil möglich wurde, seinen bisherigen ‚Nebenberuf‘ zu einem unbezahlten Hauptberuf zu machen und sich seitdem mit ganzer Kraft für unsere gemeinsamen ideellen Ziele einzusetzen. Obwohl er also einer Familie mit gewissen Privilegien entstammte, galt sein gesamtes Engagement einer macht- und privilegienfreien, gerechten Ordnung von Kultur und Wirtschaft und einer Staatsordnung, in der der Rechtsstaat sein legitimes Machtmonopol nur für die interessenneutrale Gesetzgebung und die Durchsetzung des Rechts zum Schutz der Freiheit der Menschen vor Macht und Gewalt einsetzt. Oberstes Leitbild seines Denkens war eine freiheitliche und zugleich gerechte Ordnung von Kultur, Staat und Wirtschaft, in der die Menschen entsprechend ihrer in der Verfassung verankerten Grundrechte ihre Persönlichkeit frei entfalten können, ohne dabei andere Menschen durch Ausübung von Macht zu unterdrücken.

Zusammen mit Eckhard Behrens und Jobst v. Heynitz intensivierte Fritz Andres fortan seine Tätigkeiten im „Seminar für freiheitliche Ordnung“ in Bad Boll, wo die eigene Tagungsstätte durch seine Initiative in „Schule der Freiheit“ umbenannt wurde. Zeitweise führte er auch Veranstaltungen für Studierende im Umfeld der privaten Universität in Witten-Herdecke durch. Außerdem begann er auch in der „Sozialwissenschaftlichen Gesellschaft“ mitzuarbeiten, indem er Vorträge bei den „Mündener Gesprächen“ hielt und Aufsätze in unserer „Zeitschrift für Sozialökonomie“ schrieb. Bei alledem erweiterte sich sein Themenspektrum erheblich. Es entstanden Aufsätze über die Vermachtung der Wirtschaft, über die Veränderung der Unternehmensverfassung durch eine Reform der Geldordnung und über die Kritik am Patentrecht sowie über Fragen des Generationenvertrags, der Bildungs- und Kulturordnung und der Demokratie. Parallel dazu beschäftigte sich Fritz Andres weiter mit der schon von Leo Tolstoi gestellten großen Menschheitsfrage „Wie viel Erde braucht der Mensch?“ Daraus entwickelte er Vorstellungen von einem „erweiterten Begriff von Nachhaltigkeit“ und nicht zuletzt war er derjenige, der wohl als Erster die Grundgedanken der Reform der Bodenordnung auf die Lösung der klimapolitischen Problematik übertrug. Dabei plädierte er u.a. für eine Pro-Kopf-Rückverteilung von CO2-Abgaben. Fritz Andres machte deutlich, dass der Boden, die natürlichen Ressourcen der Erde und die Erdatmosphäre Gemeinschaftsgüter aller gegenwärtig und zukünftig lebenden Menschen sind. Angesichts der großen Widerstände gegen diese Einsicht und der immer drängender werdenden Klimaproblematik erwartete er, dass die Menschen am ehesten den Charakter der Erdatmosphäre als Gemeinschaftsgut der Menschheit erkennen werden und dass dann – wie er es manchmal in Vorträgen formulierte – „die Reform der Bodenordnung eines Tages aus der Luft kommt“. Wenn nämlich die Erdatmosphäre erst einmal als Menschheitsgut anerkannt werde, dann könne sich danach die Einsicht durchsetzen, dass auch andere Ressourcen und schließlich auch die Grundstücke als Gemeinschaftsgüter behandelt werden müssen, damit das Grundrecht aller Menschen auf eine gleiche Teilhabe an den natürlichen Lebens-grundlagen verwirklicht werden kann.
 
Ein ganz besonderes Highlight war eine gemeinsame Tagung der „Christen für gerechte Wirtschaftsordnung (CGW) und der „Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung“ (INWO) im Jahr 2006. Damals fragte uns Fritz Andres, ob er an einem langen Tagungswochenende alle Vorträge halten dürfe, um einmal die große „Interdependenz der einzelnen Teilordnungen“ einschließlich der Boden- und Geldordnungen, der Unternehmensverfassung, der Bildungs- und Kulturordnung und des Generationenvertrags in einen Gesamtüberblick zu nehmen, um den ordnungspolitischen Blick aufs Ganze zu schärfen und um in den Diskussionen das Bewusstsein für den Gesamtzusammenhang der Teilbereiche des Lebens zu vertiefen.
In den folgenden Jahren erhielt Fritz Andres auch Lehraufträge am Umwelt-Campus Birkenfeld der Hochschule Trier, wo er auch zeitweise im Vorstand und zuletzt als Beisitzer im Verein „Freunde der Hochschule e.V.“ mitwirkte, sowie am Lehrstuhl für Entrepreneurship, den Prof. Dr. Götz Werner, der Inhaber der dm-Drogeriemärkte und Motor der Grundeinkommensbewegung, an der Universität Karlsruhe innehatte.

Zeitweise arbeitete Fritz Andres auch im „Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft“ (FÖS) sowie in der „Bundesarbeitsgemeinschaft Wirtschaft und Finanzen“ von Bündnis 90 / Die Grünen mit, um dort Verständnis für die Notwendigkeit einer erweiterten Bodenreform für die Lösung der Flächenverbrauchs-, Ressourcen- und Klimaproblematik zu wecken. Diese Hoffnung erfüllte sich leider nicht.

Im Laufe der Zeit verfasste Fritz Andres etwa 75 zum großen Teil längere Aufsätze, in denen er seine Lebensthemen grundsätzlich und mit aktuellen Bezügen behandelte. Sie alle bilden einen kostbaren Fundus, auf den Wissenschaftler/innen in Zukunft hoffentlich zurückgreifen werden, wenn sie die Bedeutung der Reformgedanken zur Geld- und Bodenordnung einmal allgemein anerkennen und fragen werden, wer zu ihren Vordenkern und Wegbereitern gehörte. (Eine Liste der in den „Fragen der Freiheit“ erschienenen Aufsätze von Fritz Andres findet sich auf der Internetseite: https://www. sffo.de/sffo/FdF_Alle-Hefte_Autoren.pdf)

Neben seinem großen Arbeitspensum nahm sich Fritz Andres auch Zeit für seine musischen Begabungen. Mit besonderer Vorliebe widmete er sich dem Klavierspiel. Sonaten von Beethoven, Schubert und anderen Komponisten vermochte er auswendig zu spielen. Häufig erfreute er auch die Teilnehmenden von Tagungen in Bad Boll mit seiner eine wohltuende Atmosphäre stiftenden Musik, für die er im Tagungsgebäude des Seminars eigens einen Flügel anschaffen ließ. Wegen ihrer klaren inneren Ordnung bezeichnete Fritz Andres uns gegenüber im Gespräch manchmal die Sonaten von Beethoven als „hörbare Reform der Bodenordnung“. Neben seiner Leidenschaft für die Musik war er auch ein wandelndes Lexikon der Literatur- und Philosophiegeschichte. Am Rande von Tagungen konnte er Tischgespräche und abendliche Gesprächsrunden zuweilen mit frei rezitierten Passagen aus Gedichten von Goethe und Schiller oder Conrad Ferdinand Meyer sowie mit spontanen geistreich-humorvollen Äußerungen verschönern. Besonders liebte er Meyers Gedicht „Der römische Brunnen“ sowie den Roman „Der Graf von Monte Christo“ von Alexandre Dumas und auch die Romane von Hanns-Josef Ortheil.

Zusätzlich zu seinen Tätigkeiten als Organisator von Veranstaltungen sowie als Vortragender und Autor hatte Fritz Andres seit dem Jahr 2000 auch noch die Rolle als 1. Vorsitzender der „Stiftung für Reform der Geld- und Bodenordnung“ inne, wofür er als versierter Jurist die beste Besetzung war, die wir uns wünschen konnten. Auf allen Ebenen war unsere Zusammenarbeit mit ihm ein großes Geschenk für uns – in der Stiftung, in der SG und in unserem gesamten Umfeld. Fritz Andres verkörperte für uns eine seltene Verbindung von fachlicher Kompetenz mit Gewissenhaftigkeit, Herzenswärme und Humor. Er verstand es, unseren ideellen Bestrebungen als primus inter pares eine verlässliche Struktur zu geben, ohne sich dabei selbst in den Vordergrund zu stellen. Und als in den letzten Jahren finanzielle Engpässe im Haushalt der Stiftung auftraten, sorgte Fritz Andres sogar noch unauffällig für ihre Handlungsfähigkeit, damit unser Ziel, die Printausgabe unserer Zeitschrift bis zur 200. Folge herausgeben zu können, nicht in Gefahr geriet. Großzügig unterstützte er auch die Initiative „Grundsteuer: Zeitgemäß!“

Vor zwei Jahren musste sich Fritz Andres einer großen Herzoperation unterziehen, die er zu seiner und unserer Erleichterung erfreulich gut bewältigen konnte. Jedoch litt er schon seit Jahren an einer Schlafapnoe, die er die meiste Zeit in halbwegs erträglichem Rahmen halten konnte. Seit dem letzten Jahreswechsel verschlimmerte sie sich aber und alsbald traten auch wieder Herzprobleme auf. Bei unseren letzten „Mündener Gesprächen“ im März 2019 war ihm die Erschöpfung seiner Kräfte anzumerken. Danach äußerte er die Hoffnung, wieder in diejenige Reha-Klinik gehen zu können, in der ihm vor zwei Jahren gut geholfen worden war, und dort wieder zu Kräften zu kommen. Doch wurde ihm diese Reha-Maßnahme nicht bewilligt und es setzte bald ein rapider Kräfteverfall ein. Bei unserem letzten Telefonat sagte Fritz Andres mit schwacher Stimme: „Hier ist gerade Land unter. Ich melde mich in den nächsten Tagen wieder.“ Schon am übernächsten Tag ging sein Leben zu Ende.

Mit Fritz Andres verlieren wir eine tragende Säule unseres ideellen Netzwerks, die sich nicht ersetzen lässt. Bei allem Schmerz bleibt uns nur zu akzeptieren, dass alles seine Zeit hat, und für viel Gutes dankbar zu sein, was in dieser Zeit möglich war und hoffentlich weiterwirkt.

Dipl.-Kfm. Thomas Betz | 2. Vorsitzender der Stiftung für Reform der Geld- und Bodenordnung
Gudrun Müller und Alwine Schreiber-Martens | Vorstandsmitglieder der Stiftung für Reform der Geld- und Bodenordnung
Prof. Dr. Dirk Löhr | 1. Vorsitzender der Sozialwissenschaftlichen Gesellschaft
Dipl.-Volkswirt Ass.jur. Jörg Gude | 2. Vorsitzender der Sozialwissenschaftlichen Gesellschaft
Werner Onken | Redakteur der Zeitschrift für Sozialökonomie
Christoph & Gabriele Gauke | Verlag für Sozialökonomie